Barfuß zur SZ - das Zeichen des Aufschwungs (Daily Dueck 33)

Früher hatten wir einen Briefkasten unten am Haus. Da war ich noch jung. Jeden Morgen öffnete ich vorsichtig die Tür, nahm wie ein Reh die Witterung auf, horchte in Waldhilsbach hinein – und stürmte schnell im Schlafanzug hinunter, ich raste zum Briefkasten und stibitzte blitzschnell die beiden Zei-tungen, die Rhein-Neckar-Zeitung und die Süddeutsche, die ich schon seit meinem 17. Lebensjahr abonniert habe – ich lese sie jeden Morgen genau und hoffe, sie rezensieren einmal Ankhaba.

Es gab immer wieder Überlegungen, ob nicht vielleicht jeden Morgen alle unsere Nachbarn schon mit Ferngläsern an den Fenstern lauern, um sich am peinlichen Anblick zu weiden, wie Gunter Dueck barfüßig im Schlafanzug rumrennt, bei Schnee und Regen. Das haben wir nie klären können, weil sich die Nachbarn sehr gut zu tarnen scheinen. Sie lassen leider das Licht am Fenster aus. Es gab weitere Überlegungen, ob meine Füße schmutzig sein könnten, wenn die Zeitung geborgen sein würde, aber ich dusche doch gleich danach! Ich hielt entgegen, dass ich mich eher gar nicht erinnern könnte, in meiner Jugend je Schuhe getragen zu haben – mindestens weiß ich noch vom kunstvollen Schulweg über genau die Stellen auf dem Ascheweg, die platt getreten waren. Ich konnte das in vollem Lauf schaffen! Heilen Fußes! Ein Klacks für jemanden auf dem Bauernhof! Wissen Sie, wir hatten überall Hühner im Dorf und dann darf man nicht überall wirklich hintreten, verstehen Sie? Stadtkinder spielen manchmal das Laufen so, dass sie keinesfalls jemals auf eine Plattennaht auf dem Bürgersteig treten – ja, so ähnlich ist es auf einem Hof mit Tieren …

Das ist mir alles wieder eingefallen, weil Lorenz Kerscher, ein Leser des Ziegelstein-DD, eine Neudichtung desselben über das Barfußlaufen ins Internet gestellt hat.

Es geschah im Barfu▀park

Ich hatte das alles vergessen. Denn als vor vielen Jahren unser jämmerlich klagend-quietschendes Garagentor gestorben war und durch ein elegant motorisiertes aus weißem Alu ersetzt wurde, kam ich auf die Idee, den Handwerker zu fragen, ob er nicht zusätzlich einen schmalen Schlitz in die Mauer brechen könnte. Da fiele die Süddeutsche gleich ins Haus. Niemand sieht mich, wenn ich dann barfuß in der Garage bin! Seitdem muss ich nicht mehr raus. Schade eigentlich.

Seit einem halben Jahr aber sind die beiden Zeitungen gerade so dick, dass sie noch so eben in den Schlitz passen. Sie stecken dann halb drin und flutschen nicht durch. Ich muss von der Garage aus so etwa 25 cm tief in den Schlitz hineinlangen und versuchen, die Zeitungen nach innen zu ziehen. Die beste Technik ist es, erst nach der Rhein-Neckar-Zeitung zu angeln. Die ist schmaler und lässt sich besser erbeuten. Danach ziehe ich einigermaßen relaxt die Süddeutsche nach und passe auf, dass ich das Ende ganz, ganz sacht hereinbekomme, damit die Klappe nicht klappend zufällt, so dass niemand im Haus davon aufwacht. Geschafft! Manchmal schramme ich mich etwas, wenn die Zeitung zu weit draußen ist und ich die zerrenden Hände zu sehr reinpressen muss!

Und wissen Sie was? An den letzten Samstagen war nichts zu machen. Ich zog und zog. Ich nahm mir Zeit, denn alles soll gelingen, was ich anpacke. Es ging nicht. Ich überlegte, was zu tun wäre. Ich hatte den Gedanken, das Garagentor zu öffnen, aber der Motor würde andere wecken. Da erinnerte ich mich, dass ich ja draußen im Schlafanzug rausrennen könnte! Das hatte ich lange nicht getan! Darf ich das noch, in meinem Alter – das, was ich nie durfte? Klar – ich habe doch heute viel schönere Calidas an als früher! Ich rannte raus und fand es wundervoll wie einst. Ja, früher! Da war alles besser! Da war die Süddeutsche viel dicker als heute! Kein Vergleich! Und mir fiel ein, dass ich damals fast böse war, einen dicken Papierhaufen am Samstag statt einer Tageszeitung geliefert zu bekommen, erst Politik, dann München, dann Wirtschaft, dann einen elend dicken Packen doofer Stellenanzeigen, für die bestimmt die Hälfte der schwedischen Wälder abgehackt werden musste – und darin suchte ich jeden Samstag die paar Seitchen SZ am Wochenende, wo die Schachecke war.

Und jetzt ist die SZ wieder so dick? Warum? Sind es Stellenanzeigen?
Stellenanzeigen?
Aha, der Konjunkturfrühling kommt. Ja, genau. Die Zeiten werden besser, daran glaube ich ganz fest. Ich bin richtig sicher. Ich renne nun jeden Samstag bei Sonne und Niesel und Regen hinaus, nachdem es von innen nicht ganz leise klappen konnte! Und wenn Sie mich im Schlafanzug sehen – Sie alle da, die immer hinter den Fenstern und in den Büschen lauern, dann sollen Sie wissen, der Aufschwung ist da! Für einen Aufschwung renne ich gerne und mache mir die Füße schmutzig. Sie auch?

 

(Und wenn Sie mögen, lesen Sie jetzt noch einmal ganz entspannt DD1 hier im Archiv. Da sehen Sie, wie leicht man die Zukunft sehen kann.)

Gunter Dueck

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