Liebe, Glaube, Effizienz – zur Zukunft der Kirche (Daily Dueck 170, Juli 2012)

Daily Dueck 170 Spezial – Redetext zum Zukunftskongress 2030 der ev. Kirche in Oldenburg; das Video zur tatsächlichen Rede, die viel launiger ist, als sie vielleicht hätte sein dürfen, finden Sie auf YouTube unter Oldenburg Rede vom 6. Juli 2012

Das Internet verändert unsere Welt. Die meisten von uns nehmen das Internet nur ganz direkt vor einem Flachbildschirm wahr, aber es greift schon seit vielen Jahren auf unser Leben in viel tiefgreifenderer Form ein: Computer verbinden jetzt alle Menschen, Arbeitsvorgänge und Dinge! Sie messen alles und wissen, wie viel jeder Handschlag kostet, wie lange er dauert, ob er vom richtigen Menschen mit der richtigen Qualifikation ausgeführt wird. Kurz: Computer und Internet geben die Möglichkeit, praktisch alles, was schon immer getan wird, viel effizienter und kostengünstiger zu gestalten.
Auf der anderen Seite aber scheint uns das Internet eine Brücke zu einer neuen Zukunft zu schlagen, die wir uns erst nur vage vorstellen können und wollen. Das Web 2.0 beschert uns Freunde in aller Welt, es besiegt Diktaturen, führt zu neuen Kommunikations- und Kunstformen. Wir spüren, dass wir vor der Schwelle einer neuen Welt stehen. Die Wirkungswucht der Internet-Durchdringung unseres Lebens wird oft ahnungsvoll im Vergleich mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und der Bibelübersetzung Luthers gesehen. So etwas passiert JETZT! Und wir sind dabei!

Die Umwälzung des Internet stellt uns generell vor zwei Wege:

1. Wir nutzen das Neue, um das Alte ökonomisch effizienter zu gestalten.
2. Wir bauen mit ihm eine neue Zukunft.

Die erste Aufgabe ist sehr mit dem Gedanken an Geldsparen verbunden und damit klar definiert. Sie wird deshalb überall beherzt angegangen, mit zum Teil beeindruckenden Rationalisierungserfolgen. Diese großen Erfolge werden jetzt auch überall dort gesucht, wo das Internet nicht im Mittelpunkt steht – nun wird auch die Kirche immer stärker mit Vorstellungen des Lean Management und den damit verbundenen ökonomisierenden Methoden und Denkweisen konfrontiert. Für das mögliche Neue, etwa die Kirche 2.0, fehlt hier wie überall noch die weite und Vorfreude bereitende Perspektive.

Beide Wege, den ökonomisierenden und den zukunftssuchenden, möchte ich hier kommentieren.


Zum allgemeinen Effizienzstreben:

Effizienz beißt sich mit Glaube und Liebe und senkt alle Hoffnung. Falsch verstandene Effizienz kann ruinieren – und das befürchte ich besonders im kirchlichen Kontext.

Die Prinzipien der Effizienz zielen auf Standardisierung, Vereinheitlichung, genaue Servicedefinitionen („Hochzeit Basic Plus Dienstleistungspackage“), Abarbeitung durch die billigst mögliche Ressource („muss das der Pastor unbedingt selbst machen?“) und absolute Vollauslastung aller Ressourcen (heute oft Überlast bis zum Burnout-Problem). Die Bezeichnung von Menschen im ökonomischen Kontext als Ressourcen deutet die Kälte des Vorgehens an.
Sehen wir uns zur Erhellung der Problematik eine Bankfiliale an: Die meisten Aufgaben sind dort einfach (Überweisungen, Auszüge anfordern, Einzahlungen), die erledigt der Kunde schon oft selbst oder mit Hilfe einer/eines Angestellten. Eher selten werden schwierige Kreditwünsche geäußert oder eine Beratung über asiatische Aktien gewünscht. Ökonomisch ist es sinnvoll, diese selten vorkommenden schwierigen Arbeiten in zentralen Fachabteilungen zu bündeln. Für komplexe Kredite und oder Zertifikateanlagen wird der Kunde auf ein „Kompetenzcenter“ verwiesen. Der Bankangestellte wird nun vor Ort auf das Einfache zurückgestutzt, er hat nichts Wichtiges mehr tun. Er kann durch Mitarbeiter ersetzt werden, die kaum ausgebildet sein müssen und geringer bezahlt werden können. Mit der Zeit wird diese einfache Arbeit vor Ort automatisiert und verschwindet irgendwo ins Internet, wo sie der Kunde selbst verrichtet. Die Bank vor Ort verliert für den Kunden den Ruf der Kompetenz. Die lokalen, eigentlich kulturgebenden Dienstleistungen werden austauschbar. „Welche Bank? Ist egal.“ Die Banken verlieren die Identität, die Kunden sind nicht mehr treu, die einstige herzliche Verbundenheit schwindet, Dienstleistungen werden technokratisch abgerufen. Ein Stück einstiger Heimat ist verschwunden. Das ist die kalte Seite der Effizienz. Im Kontext der Kirche heißt das:

Effizienz verwässert das Heilige.

So wie Banken im Namen der Effizienz und des Sparens das Komplexe in Zentren zurückziehen, so schließen sich Kirchengemeinden zusammen. Ein Pastor ist für viele Gemeindemitglieder zuständig, so wie der Kreditsachbearbeiter für alle Kunden im weiten Umkreis. Dadurch geht der Kontakt zu den Gläubigen immer weiter verloren, was den Bankkunden nicht direkt schmerzt, aber den Gläubigen schon. DAS ist der Unterschied zwischen Kirche und Dienstleistungsunternehmen!
Etwas mehr herausgearbeitet: Alles um den Pastor herum ist „heilig“, seine physische Präsenz, sein Grüßen, sein Smalltalk, sein kurzer Hausbesuch, sein Zureden und Zuhören über den Gartenzaun, wenn der Mäher kurz angehalten ist. Es wärmt, wenn er uns kennt, wenn wir ihm begegnen, wenn wir ihn vielleicht nur vorübergehen sehen. Er kennt unsere Kinder und leitet sie, wir sprechen gemeinsam über sie… Der Heilige Geist ist durch einen nahen Pastor präsent. Er MUSS lokal präsent sein! Er muss die lokalen Helfer und Freiwilligen beflügeln. Er kann nicht wie die Anlageberatung in eine Zentrale zurückgezogen werden und die lokalen Helfer als einfach unbezahlt Arbeitende in der Ferne „machen lassen“ und sie damit (fern vom Geist der Kirche) degradieren. Ich will sagen: Was bei einem Kompetenz zentralisierenden Dienstleistungsunternehmen Effizienz erzeugt, führt bei der Kirche zu einem Rückzug und allmählichen Verschwinden des lokal Heiligen. Zentralisierende Effizienz führt auch z.B. bei Banken zu bedenklichen Identitäts- und Treueproblemen – bei einer Kirche ruiniert sie das „Business-Modell“ komplett. Zentralisierende Kirche zieht sich auf Kerndienstleistungen rund um die feststehenden Events zurück. Das Heilige ist dann ganz dünn geworden und wird auf Augenblicke beschränkt. Ist aber halb heilig noch irgendwie heilig? Fällt nicht oft ganz weg, was unter eine kritische Schwelle fällt?
Das lokale Wirken des Glaubens ist für mich die Kernaufgabe einer Kirche. Ökonomisch formuliert: Investiert in Pastoren und gute Arbeitsbedingungen! Überlastet sie nicht – der Heilige Geist verschwindet unter Stress! Das ist das Problem unserer Zeit. Alles Hohe verschwindet unter Stress.

Investiert in Pastoren, auch wenn alles andere aufgegeben werden muss. Widersteht der Versuchung flächendeckender Effizienzbestrebungen, bei denen überall gespart wird, so dass dann alles bedenklich siecht. Denkt an den nachhaltig gesunden Kern.

Daher meine zwei Thesen:

1. Der Kern der Kirche, das Heilige in der Seele zu hüten, muss gesund gehalten werden - durch Pastoren, alles andere steht zurück.
2. Widersteht der Versuchung falscher Effizienz - hütet euch vor allem, was in die Nähe von "Bless for less" gerät.

Seht euch alle um! Immer das, was uns fehlt, wird bei Events und Feiern beschworen. Was wird in diesen Tagen beschworen? Immer und immerfort dies:

• Wirtschaftsethik,
• Innovation,
• Bildung,
• Kultur,
• Vertrauen,
• Herz,
• Gemeinschaft,
• Zusammenhalt,
• Nachhaltigkeit,
• Blühende Umwelt,
• Soziales und Christliches,
• Gleichberechtigung,
• Physische u. psychische Gesundheit,
• Authentizität der Führung,
• Liebe,
• Gerechtigkeit.

Das haben wir einstmals um Größenordnungen besser gelebt, nicht immer nur beschworen. Damals waren wir allerdings nicht so effizient. Was wollen wir? Bitte antworten Sie mir nicht wie ein schlechter Chef: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“ Wir müssen den Weg wählen.


Zur Zukunft der Kirche:


Besonders im Internet zeigen sich Zeichen neuer Kulturen. Vieles ist im Probierstadium, und zwischen ersten Frühgemeinden neuer Kultur mischen sich auch die ersten Rattenfänger und Gaukler. Die Regeln der Zukunft sind unklar, die virtuellen Räume sind noch nicht geordnet, alles steckt noch in kreativer Unruhe, es gibt noch keine virtuellen Jägerzäune.
Eine neue Generation wächst heran, die man „Digital Natives“ nennt. Werden sie Gemeindemitglieder der Kirchen sein? Wie würden sie sich die nächste Kirche vorstellen?

Diese Frage musste seit langer, langer Zeit nie wirklich gestellt werden – nun aber wird sich die neue Internetgesellschaft im Ganzen so stark wandeln, dass der Umbruch auch die Kirchen und die religiösen Vorstellungen erfassen MUSS. Im Grunde müssen wir anerkennen, dass die nächsten Maßstäbe eher durch die kommenden Generationen gesetzt werden. Erkennen wir das? Erkennen wir es an? Helfen wir den heute Jungen, das Neue zu formen? Ich rufe auf:

3. Lasst die Digital Natives zu IHM kommen - errichtet Monumente des Glaubens im Internet (lebendige Weltschatzkammer gläubiger Kultur)

Kümmern wir uns um die jungen Christen nach der Konfirmation? Wenn zu Gemeindetreffen eingeladen wird, kommt ein Altentreff heraus, wird geseufzt. Oft habe ich gesagt, dass statt Mettbrötchen eben Pommes Frites und Eis verfügbar sein könnten – und ich blicke in unwillige Gesichter. Warum fragen wir nicht, welche Sinnfragen Digital Natives berühren? Die liegen doch hautnah in der Generation Praktikum! Warum befragen die Studien immer nur die Älteren und wälzen seltsame Weltanalysen rund um Säkularisierung und Vereinzelung? Ich bin nun auch schon ein bisschen älter als der Durchschnitt und kenne die Antwort auf die Frage nach dem künftigen Verhältnis zu Gott nicht. Aber wir könnten beginnen, neuen Grundmauern zu ziehen. Wir könnten „virtuelle Kirchen“ bauen. Ich stelle mir vor:

• Alle Lieder aller christlichen Gesangbücher ins Netz! Als Text, Gesang, Chor, instrumental in vielen Fassungen, nicht nur mit Orgel.
• Alle schon existierenden Monumente des Glaubens ins Netz!
• Ermutigung von Künstlern und Musikern, Neues zu schaffen!
• Neben Orgeln auch Hochleistungslautsprecher in Kirchen – (es gibt auch andere Musik, die vielleicht auch erst neu und wundervoll entsteht, wenn wir sie willkommen heißen).
• Eine neuer Konfirmandenunterricht für Digital Natives (Konfirmanden können genau in diesem Alter „behalten werden“, das ist in der katholischen Kirche schwieriger)
• Die Kirchen entwickeln und fördern bekannte prägende Persönlichkeiten, die im Internet über Glaubensdinge sprechen (DAS ist Exzellenz, die zentral ausstrahlen soll!)
• Neue Gottesdienstformen
• Nach „Schwerter zu Pflugscharen“ nun „Computer zu Brücken“
• Aufbau einer virtuellen Heimat – Web-Communities der Kirchen sollten zusammen mit den örtlichen Vereinen agieren, die alle für sich kaum kritische Masse im Netz bilden können.

Machen Sie mit? Sind Sie offen? Oder befürchten Sie etwas? Was denn? Was würde schlimmer als das Weitergehen auf dem jetzigen Wege bis – ja bis erst einmal 2030?
Nein, nicht das! Schauen Sie auf das heutige Sterben der Unternehmen. Sie sterben, weil sie am Festnetztelefon festhalten, unbedingt an Büchern aus Papier, unbedingt an Kernkraftwerken, unbedingt an Handys nur zum Telefonieren. Größte Konzerne gehen darnieder, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen, weil sie nach Jahrzehnten ihrer Existenz ihr Dasein schon wie eine Ewigkeit empfinden. Diese Hemmschwelle, in ein ganz neues Zeitalter zu treten, hat eine Kirche umso mehr... Ich verstehe das gut, aber ich will es nicht verstehen. Ich habe dafür Verständnis, aber ich will kein Verständnis haben. Das nagele ich an jede Wand.

Gunter Dueck

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