Der Oberschicht-Code (Daily Dueck 162, März 2012)

Die Chancen eines Kindes hängen sehr stark vom Elternhaus ab. Das zeigen alle Statistiken, die danach fragen. Oberschichtkinder schaffen fast alle das Abitur und sehr viele von ihnen studieren. Selbst wenn man vergleicht, wie sich junge Leute nach einem mit gleicher Note bestandenem Studium entwickeln, schneiden Oberschichtkinder viel besser ab. Pfui, schimpfen alle! Gebt den anderen eine Chance! Dazu müsste man aber doch einmal nachdenken, was jeweils richtig oder falsch läuft, oder?

Die Oberschichtkinder haben angeblich ach so irrwitzig viele Verbindungen, sie sind in gegenseitig unterstützenden Zirkeln organisiert, sie kennen Einflussreiche, benehmen sich gewandter, können schön daher reden. Die Eltern vermitteln ihnen gute Arbeitsstellen und kungeln für ihre Kids. Es muss bestimmt einen Oberschicht-Code geben, so könnte man meinen. Dieser Code gibt Zugang, der den anderen verwehrt wird. In meiner Jugend gab es wilde Gerüchte, wonach Personalmanager bei Einstellungen achten würden. Man dürfe keinen Bart tragen (zeigt linke Gesinnung, wenigstens Nonkonformismus) und man werde gefragt, welchen Wein man gerne trinke: „Lieber St. Julien oder St. Estèphe? Wie beurteilen Sie die Unterschiede?“ An solchen kleinen Zeichen wittere man, ob wir für eine Einstellung geeignet wären. Und dann geistert natürlich auch noch eine These aus der Soziolinguistik herum, die schon fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, nämlich die Bernsteinhypothese. Sie lautet (aus Wikipedia):

„Die Angehörigen der sozialen Mittel- und Oberschicht einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft verwenden eine Variante der gemeinsamen Einheitssprache, die sich sehr von der Variante der sozialen Unterschicht (Arbeiterklasse) unterscheidet. Die Mittel- und Oberschicht bedienen sich eines elaborierten (formal language), die Unterschicht eines restringierten Codes (public language). Da beide Codes als unterschiedlich leistungsfähig angesehen werden, wird auch ein Unterschied beider Gesellschaftsschichten hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens unterstellt.“

Da wird doch alles klar? Die Oberschichtkinder bekommen bestimmt eine andere Geheimsprache eingetrichtert, mit der man besser denken und arbeiten kann – und die bei der Einstellung ausschlaggebendes Kriterium ist!

Huh, da schüttele ich mich! Ich fürchte, keiner von denen, die da forschen oder so etwas wissen, hat je Einstellungsgespräche geführt oder Bewerbungsakten gelesen (in denen der Beruf des Vaters ja nicht wirklich vorkommt). Bei Einstellungen schaut man hauptsächlich, ob der Bewerber den Eindruck vermittelt, dass er seinen Job eigenverantwortlich locker hinbekommt, ohne dass man als Chef dauernd eingreifen und helfen muss. Und die neuen Mitarbeiter sollen bitte nicht herumzicken und Probleme bei der Arbeit und im Team vernünftig selbst regeln, am besten so, dass gar keine Probleme entstehen oder gar auftreten. Die Arbeit soll einfach wie von selbst laufen! Ja, liebe Leute, wonach stellen Sie denn ein?

Können wir auf dieser Basis einmal nachdenken, warum Oberschichtkinder bevorzugt werden? Der Schlüssel muss doch mehr im Bereich „Teamarbeit, Eigenverantwortlichkeit, Herumzicken, im Ganzen denken und arbeiten, zum Gelingen beitragen“ liegen – oder? Wer in solchen Rubriken im Elternhaus die richtige Haltung beigebracht bekommt, wird bevorzugt – und irgendwo zu Recht, weil diese Arbeitshaltungen zu wesentlich besseren Arbeitsergebnissen führen. Wer aber im Elternhaus nicht diese positive Grundhaltung des Beitragens und Gelingens mitbekam, hat schlechte Karten – zu Recht irgendwie. Das Problem ist doch, wie wir es schaffen, allen Kindern bis zum Schulabschluss diese professionelle Grundhaltung als Prägung mitzugeben. Nichts wäre den Einstellenden lieber, als wenn alle jungen Leute konzentriert am Gelingen interessiert wären, sich selbst verantwortlich kümmern und mit allen Mitmenschen auskommen.

Die positive Einstellung und Haltung zum Leben haben sicher alle „da oben“ und sie fehlt eher „da unten“. Also ist DORT die Baustelle. Das Problem liegt nicht in einem mysteriösen Geheimcode, schon gar nicht in der Kenntnis bester Bordeaux-Lagen.
Nein, es geht einfach um gutes Arbeiten in Berufen der Zukunft. Wer kann an dieser Baustelle arbeiten? Man kann diejenigen Eltern aktivieren und wachrütteln, die sich bisher nicht so stark um ihre Kinder gekümmert haben. Die sagen leider oft: „Dafür ist die Schule da.“ Und dann fühlen sie sich nicht verantwortlich. Die Schule kann im Prinzip zu einer vernünftigen Arbeitseinstellung erziehen, sie sieht aber generell die Eltern in der Pflicht. „Wir erwarten Lernbereitschaft, Neugier, Interesse und Fleiß von unseren Schülern. Diese Grundvoraussetzungen müssen fertig mitgebracht werden.“ Die benachteiligten Schüler aber kommen oft ohne einen Sinn für „Neugier, Interesse und brennendem Lernwunsch“ in den Klassenraum. Genauso werden sie später genau diese Haltungen auch nicht zum ersten Arbeitgeber mitbringen. DAS ist das Problem.

Unser ganzes Verständnis von Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung, Mitarbeiterentwicklung, Führung und Ausbildung muss die positive eigenverantwortliche Grundhaltung stärker ins Zentrum rücken. Die neuen Berufe des Wissenszeitalters brauchen nicht mehr vorrangig Arbeitsdrohnen, die im Fließbandtakt funktionieren. Sie brauchen den voll erblühten Menschen. Unsere Schulen aber produzieren tendenziell Funktionsmenschen, die vorgeschriebene und eher dienende Rollen ausfüllen. Das kommt besonders gut in den Kopfnoten der Zeugnisse zum Ausdruck. Die werden immer wieder einmal verändert, aber der Geist der Schule hat immer noch diese Rubriken im Sinn:


• Betragen
• Fleiß
• Mitarbeit
• Ordnung
• Zuverlässigkeit/Sorgfalt
• Sozialverhalten

Diese Wörter sind nicht mehr der richtige „Code“ für die neue Arbeitswelt. Sie sind nicht (mehr) die Zauberwörter für den Menschen, der die besten Chancen hat. Wie wären folgende Kopfnoten in der Schule?

• Kreativität, Originalität, Sinn für Humor
• Konstruktiver, freudiger Wille
• Initiative, die auf andere ausstrahlt
• Gemeinschaftssinn, der auch andere aktiviert
• Gewinnendes Erscheinungsbild und Offenheit
• Ausgewogenes Selbstbewusstsein
• Vorfreude auf eine gute eigene Zukunft
• Auch andere inspirierende Neugier
• Positive Haltung zur Vielfalt des Lebens
• Liebende Grundhaltung zu Menschen

Wenn es einen „Code“ gibt, dann könnte es solch einer sein. Und dann sollten wir unser Verständnis von „guten Kindern“ neu ausrichten und nicht immer über Chancenungleichheit jammern nichts tun und paranoide Zugangsbeschränkungstheorien verschwörerisch diskutieren.
Lassen Sie uns Zeichen setzen! Ändern wir die Kopfnoten, die das neue Menschenverständnis ausdrücken! Ich meine wirklich ändern, nicht feige weglassen.

Gunter Dueck

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