Fehler machen, Fehler haben, Fehler sein – über Salami-demontage und Politik (Daily Dueck 158, Januar 2012)

Es ist nicht schlimm, mal einen Fehler zu machen – das wissen wir alle, aber es stimmt irgendwie nicht. Es ist doch schlimm. Man darf Fehler begehen, aber nicht denselben zweimal, dann ist man dumm, sagen die Weisen. Man hat nämlich nicht aus einem Fehler gelernt. Ach – dumm! Das ist nicht der Punkt! Es gibt doch den feinen Unterschied, ob man Fehler macht oder Fehler hat, nicht wahr?

Darum geht es! Natürlich kann jeder Fehler machen. Der Fehlende wird darauf hingewiesen, er sieht es ein und handelt fortan richtig. So stellen wir uns das alle vor. Meistens aber begehen die Menschen immer dieselben Fehler. Ladendiebe klauen weiter, auch wenn sie erwischt wurden und bereuten. Temposünder bekommen den Führerschein zum wiederholten Male zurück und brettern los. Hilft es, Putzteufeln weniger häufiges Staubsaugen anzuraten? Schaffen Sie persönlich es denn, Ihrem Lebenspartner die Marotten auszutreiben? „Tür zu, Schuhe aus, Strom sparen, Rasen mähen, setz‘ dich doch mal hin, stress‘ nicht, wieder die Sahne beim Einkaufen vergessen, du Depp.“ Die Leute, die zu viel putzen, was vergessen, bestimmte Rechtschreibefehler begehen oder unfreundlich sind – die machen das immer! Sie bereuen den Fehler in jedem Einzelfall und machen weiter.

Dazu passt ein Zitat aus dem Aphorismenband von Marie von Ebner-Eschenbach: „Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.“ Sehen Sie? Einmal geht es um einen isolierten Fehler, der in der Regel auch „freimütig“ eingestanden wird. Eine andere Qualität ist es, einen Fehler zu HABEN!
Wenn zum Beispiel ein Bundespräsident einen Fehler macht – wen kümmert’s? Er ist eine Lichtgestalt – und als solche wird er seinen Fehler natürlich nicht noch einmal machen, denn er ist nicht dumm und lernt aus seinen Fehlern. Ein Problem taucht auf, wenn jemand zwei ähnliche Fehler zum Beispiel der Unbescheidenheit oder der Verschleierung hart an der ethischen Grenze begeht. Zwei Fehler sind anders als einer! Wer zwei ähnliche Fehler macht, gerät in den Verdacht, einen Fehler zu HABEN. Und bei der Bundespräsidentendebatte geht es nur darum, ob unser Staatsoberhaupt einen Fehler HAT oder nicht. Wenn er einen Fehler HAT, müssen wir ihm in ganz anderer Qualität verzeihen als wenn er nur einen Fehler begangen hätte.
Da spürt der Präsident, dass man ihn verdächtigt, einen Fehler zu haben. Deshalb isoliert er die Fehler einzeln und entschuldigt sich für sie einzeln. Er beteuert in jedem Einzelfall, denselben Fehler nicht wieder zu begehen. Er muss vermeiden, dass ihm noch weitere Fehler unterlaufen, weil er dann Probleme bekommt, die Diskussion zu vermeiden, dass er einen Fehler hat. Das ist die Salami-Taktik – man muss Fehler isolieren! Es darf nie der Eindruck entstehen, dass es da ein Muster hinter verschiedenen Fehlern zu entdecken gibt. Bürger oder die Presse aber wollen wissen: hat er nun einen Fehler oder macht er nur welche? Sie graben dazu das Privatleben des Präsidenten ungebührlich gründlich um, um ein vermutetes Muster nachzuweisen oder eben keines sehen zu können. Sie wollen über den Verdacht entscheiden, ob der Präsident einen Fehler HAT.
Viele Menschen verstehen den Unterschied zwischen dem Fehlermachen und dem Fehlerhaben nicht so genau – da kann sich ein Politiker herauslavieren, wenn er sich genügend entschuldigt. Aber diejenigen, die finden, dass er einen Fehler hat, versuchen nun eine endlose Salamidemontage…es läuft ähnlich ab wie im Falle zu Guttenberg. Einmal nicht zitieren, also abschreiben? Kein Problem! Er entschuldigt sich, wir verzeihen, auch für das zweite und dritte Mal abschreiben. Lappalie! Aber bei der zwanzigsten bedenklichen Stelle ist ein klares Muster hinter allem sichtbar. Jetzt hat zu Guttenberg einen Fehler. Das haben wir alle eingesehen, darum musste er gehen. Er ist allerdings so beliebt – scheint es – dass wir ihn insgesamt auch mit einem Fehler als Minister akzeptieren würden. Viele sagen: „Er ist ein Mensch! Ein Mensch darf auch Fehler HABEN. Ich habe so einen geheiratet, ich weiß, wovon ich rede.“ Manchen Menschen verzeihen wir daher sogar, dass sie Fehler haben. Auch Präsidenten – ein Rundblick der letzten zehn Jahre in befreundete Länder genügt. Verzeihen wir nun unserem Präsidenten, dass er einen Fehler hat? Lieben wir ihn so sehr? Was schätzen wir an ihm so sehr? Eigentlich nur besonders, dass er keine Fehler hat. Wenn er aber welche hat, was schätzen wir dann?

Wenn wir jemandem nicht verzeihen, beginnt der Betreffende, ein Fehler zu SEIN! „Die Ehe mit dir war ein Fehler.“ Dann ist der Betreffende ein Fehler von UNS. Diesen unseren Fehler müssen wir dann einsehen, korrigieren und so viel daraus lernen, dass wir ihn nie wieder begehen. Wenn wir das nicht tun, haben WIR einen Fehler. Andernfalls SIND WIR(!) als Kollektiv im schlimmsten Falle ein Fehler aus der Sicht von außen. „Deutschland hat einen solchen Präsidenten“, sagen Fremde, so wie wir bis vor kurzem sagten: „Italien hat einen solchen Ministerpräsidenten.“ Darum geht es in den Diskussionen, in denen das Wort „beschädigen“ prominent vorkommt.


Nachtrag: Zu Beginn der Affäre habe ich bei Facebook und Google+ dies gepostet (am 14. Dezember 2011, als alles noch harmlos war, aber ich schon sehr unwillig wurde):

"Nicht gut, aber präsi!"

Die Mutter beschuldigt ihren Sohn, mit dem Nachbarsjungen heillos gesoffen zu haben. Der Sohn schwört Stein und Bein, dass "er nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen hat". Da ver-zeiht ihm die Mutter. Viel später erfährt sie, dass er mit der NachbarsTOCHTER unter ande-rem heillos gesoffen hat. Sie stellt ihn zur Rede. Er wiederholt seine Antwort, nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen zu haben. Die Mutter schäumt. Der Sohn lächelt bemüht: "Die Aus-rede ist nicht gut, aber präsi!" - "Was ist präsi, bitte?" - "Präsentabel." - "Und was bedeutet präsentabel?" - "Es ist kein Rückentritt erforderlich."


Nachtrag heute: doch.

Gunter Dueck

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