Mitarbeiter(selbst)missbrauch und Schweigen (Daily Dueck 112, April 2010)

Missbrauchsfälle erschüttern in diesen Tagen unsere Weltbilder. Die Opfer schwiegen in Ohnmacht und fürchteten die Folgen. Wir schämen uns tief für die, die viele Jahre wegsahen und gar vertuschten. Um die Opfer kümmerte sich niemand, sie taten nicht leid. Ein Glück, dass wir heute nichts mehr tun müssen, denn es ist alles verjährt. Wir können ohne Folgen weltanschaulich und frei diskutieren, wie damals jeder hätte reagieren sollen. Das wissen wir heute nämlich ganz genau.

Die meisten Kindesmissbrauchsfälle sind Jahrzehnte her. Können Sie sich vorstellen, was die Eltern damals zu einem Chorknaben gesagt hätten, der zu Hause geklagt hätte, wegen mangelhaften Übens vom Lehrer geschlagen worden zu sein? DAMALS? Die Eltern (meine eigenen ganz bestimmt) hätten Rechenschaft verlangt, warum der Knabe denn nicht geübt hätte. Und geschlagen? „Warum übst Du nicht?“ Weil das früher so war, hat kaum ein Chorknabe damals zu Hause auch nur erwähnt, dass man ihn geschlagen hat.
Ich selbst bin einmal vom Klassenlehrer des Gymnasiums hart geohrfeigt worden. Es war ein pures Versehen, er hatte eine Situation katastrophal missdeutet und mich für schuldig gehalten – bumm-bumm. Auch das habe ich nie meinen Eltern gebeichtet. Wir hatten damals so große Angst vor der Autorität, dass ich nicht einmal versuchte, die Situation mit dem Lehrer zu klären. Ich habe angstvoll alles geschluckt.
Wir sind heute anders. Eine Ohrfeige eines Lehrers geht durchs Dorf und vor den Richter. Wenn ein Schüler von Schlägen berichtet, weil er nicht übte, bekommt er erst einmal Recht und nicht noch Prügel wegen Nichtübens dazu. Eltern sind heute nicht mehr nur mit den Lehrern solidarisch, sondern auch mit ihren Kindern. Die Eltern haben oft schon selbst studiert und lassen sich von Lehrern per se nicht beeindrucken.
Gerade heute werden Vorwürfe gegen einen Bischof laut, vor Jahren Kinder geschlagen zu haben. Er reagiert mit der Androhung aller denkbaren und möglichen juristischen Schritte. Genauso war es damals auch. Aber da haben wir unter der bloßen Aussicht auf eine solch starke Ansage lieber tief geschwiegen. Spätestens der aufnehmende Polizeibeamte hat uns gefragt, wie wir mit einer solchen juristischen Zornreaktion umgehen würden.
Heute ist das Nichtwegsehen um Größenordungen einfacher! Heute helfen wir alle gemeinsam den Opfern beim einfachen Verdacht und sympathisieren mit ihnen. Wir schweigen schon längere Zeit nicht mehr. Und das scheint gewirkt zu haben, denn das Schlagen und das Missbrauchen der Kinder scheint irgendwann aufgehört zu haben – es kommen ja fast nur „verjährte Fälle“ ans Licht.

Jede Zeit hat aber andere Übel. Wir lesen jeden Tag von der steil ansteigenden Kurve von Depressionen, von Burnouts und gar von Selbstmorden, die Überforderungen und Überlastungen bei der Arbeit zur Ursache haben. Die Arbeitsdichte nimmt grausam zu und macht uns krank. Ab und zu hört man aus dem Bekanntenkreis, dass jemand eine längere Kur macht, eine Auszeit nimmt oder ein paar Wochen kaum gesehen wird. Es gibt Gerüchte um ihn, dass es Ausgebranntheit oder Versagensangst war. Das ist uns sehr peinlich, nicht wahr? Man darf darüber nicht sprechen, weil wir den Bekannten ja traurig machen könnten, wenn wir ihn auf seine Versagenserlebnisse ansprächen. Wir wissen ja, wie sehr wir uns in seiner Situation schämen würden. Wir sehen weg. Der Überforderte und nun Schwerkranke schämt sich wirklich. Seine Karriere ist wohl hin, erkennt sein Arzt sofort und rät ihm von neuen Heldentatversuchen dringend ab: „Du hast versucht, in der Champions League zu spielen, nun bist du vom Burnout gezeichnet und musst mit der 2. Landesliga zufrieden sein.“ Der später wieder einigermaßen Gesunde arbeitet traurig weiter in der Hoffnung, dass alle wegsehen und ihn gütig am Maßstab seiner früheren Träume ehrend messen, was sie ja manchmal auch mitleidig tun.

Wenn die Arbeitsdichte unendlich steigt, ist es dann nicht allgemeiner Mitarbeitermissbrauch? Ist das, was wir tun, nicht Mitarbeiterselbstmissbrauch? Sind wir hier nicht Täter und Opfer zugleich? Der Chef schindet uns, wir schinden uns, wir schinden andere, das System überfordert uns. Manche fallen in depressive Starre oder ins hyperaktive kurzatmige Zittern, wir selbst aber hoffen, dass es uns nicht trifft. Wir denken unter der zweckoptimistischen Arbeitshypothese, wir seien unverletzlich. Wer ist daran schuld? Wir selbst? Unsere Arbeit? Die Krise? Der Chef? Der Ehrgeiz? Die Zeit?
Wir schweigen und stellen keine Fragen. Wir stehen unter Stress. Wir schaffen unsere Arbeit nicht mehr, nicht gut jedenfalls. Wir leiden unter Versagensangst. Weil wir die schreckliche Furcht haben, Low Perfomer zu sein, nehmen wir an, dass alle, die ausbrennen, wohl Versager sein müssen!
Hilfe, zu Hilfe! Das ist ein Irrtum unserer eigenen Angst, die unser Denken verzerrt!
Denn der Burnout trifft doch meistens die Guten und sehr oft die Besten! Man brennt nicht aus, weil man nichts leistet und faul ist, sondern meist, weil man zuviel leisten will („Champions League“) und sich übernimmt!
Aber wir denken in Angst, die Ausgebrannten seien „überfordert“ im Sinne normaler Maßstäbe, sie seien also nicht gut oder faul. Deshalb machen wir die Ausgebrannten zum abermaligen Opfer. Dieses Opfer aber, der Ausgebrannte oder Depressive, muss nun logischerweise die offene Aufklärung seiner Krankheit fürchten, weil er sich nach dem gemeinsam gemeinen Vorurteil als leistungsschwach outet. Er ist stigmatisiert. Unter der Hand tuscheln sie in der Umgebung des Opfers, wie es wohl „zum Leistungsabfall kam“ und schweigen offiziell. Das Opfer schweigt, die Mitwisser tuscheln nur und schweigen auch. Wer aber offen von generellen Misständen in der Firma spricht, wird sofort zum Schweigen gebracht. „Hey, wir alle arbeiten hier wie die Tiere und du forderst leichtere Arbeit für dich selbst? Bist du auch einer der Faulen, für wir die Arbeit mitmachen und den Rücken hinhalten?“ Da schweigen auch die Unbeteiligten und selbst die Ethiker.

In vielen Jahren, wenn wir wieder in einem Wirtschaftsaufschwung ganz, ganz anders denken als heute, wenn es wieder eine 35-Stunden-Woche gibt und wenn alles von heute verjährt sein wird, werden die Ausgebrannten von heute in den Zeitungen von morgen berichten, wie sie einstmals seelisch im Arbeitsleben bis zu ihrem Dauerschaden gequält worden sind. Sie werden Schuldige beim Namen nennen, die sie gequält und seelisch vergewaltigt haben. Diese aber werden sagen, dass niemand je gezwungen war, so irre hart zu arbeiten! Jeder habe seine Tarifarbeitszeit gehabt und jederzeit die Freiheit besessen, die Firma zu verlassen. Die jetzt zu Unrecht Klagenden hätten sich jederzeit beim Management und beim Betriebsrat beschweren können. Das aber wäre nie geschehen. „Wollen Sie heute nach vielen Jahren Schuldige für Ihre Nicht-Karriere suchen, weil Sie Ihr Ehrgeiz noch immer nicht in Ruhe schlafen lässt?“ Aber man wird in dem Geiste der neuen Zeit den Klagenden Gehör schenken und die Schuldigen für schuldig halten. Wir werden uns für die vielen Opfer schämen und das Schweigen über die Vergangenheit und ihr Vertuschen brandmarken. Das geht in der Zukunft, weil gerade keine Krise ist, weil Mitarbeiter(selbst)missbrauch jetzt als schändlich oder unverantwortlich gilt und weil ja alles verjährt ist. So wird es enden.

„Warum habt ihr damals geschwiegen?“, fragen wir in der jeweiligen Gegenwart irritiert und unverständig die Missbrauchten von damals. Und ich frage in der jetzigen Gegenwart: „Warum schweigen wir heute?“

Gunter Dueck

© 2005 Gunter Dueck l design: nukke.de (ad+bvp)