Contra-Platonismus (Daily Dueck 9)

Die Welt blickt in die falsche Richtung. Jedenfalls nicht dahin, wohin Platon zeigt. Nun ist beileibe nicht jeder von uns Platoniker aber kann es denn gut sein, wenn wir direkt in eine ganz andere Richtung schauen?

Contra bedeutet „gegenüber, auf der entgegen gesetzten Seite“und „gegen“. Ich will das nur erwähnen, damit Sie gleich würdigen können, wie schön die Bezeichnung Contra-Platonismus zutrifft. Platon lehrt uns, dass wir unser Leben dazu verwenden sollten, uns der Idee des Guten zu nähern. Wenn wir es denn wollen, anstreben oder zulassen, breitet sie sich in uns wohlig aus und wirkt wie das Gefühl Gottes in uns. „Gott existiert, ob es ihn gibt oder nicht.“ So heißt ein Kapitel in meinem Buch Topothesie, in dem ich diesen Sachverhalt furchtbar nüchtern mit Mathematik untermauere. Es geht in jedem Falle darum, den Erkenntnishorizont zu erweitern.
Die Unwissenden unter uns bezweifeln jeweils, dass es höhere Erkenntnisse geben könnte, die über das Niveau des deutschen Fernsehens hinausgehen. Natürlich konzediert jeder Mensch, dass er nicht alles Wissen im Kopf hat. Natürlich kennt jeder Mensch das Sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Aber an eine wirklich höhere Erkenntnisstufe, an einen anderen Bewusstseinszustand glaubt niemand so recht. Deshalb reden die Wissenden die anderen mit „Unwissende!“ an, was die ungläubigen Unwissenden als schmerzend arrogant empfinden. Sie schlagen brutal zurück: „Wissender, sag doch, was du mehr weißt als ich!“ Da lächelt der Weise hilflos und rollt verzweifelt mit den Augen. „Weisheit ist nicht in Worten vermittelbar. Es ist ein anderer Zustand des Geistes.“ Da höhnen befriedigt die Unwissenden: „Wir wussten, du bist ein Scharlatan.“

Platon muss ganz schön gelitten haben und deshalb hat er uns die berühmtesten drei Buchseiten Philosophie geschenkt. In diesen erklärt er sein Höhlengleichnis. Ganz kurz noch einmal von mir, Sie kennen es ja??
In einer halb dunklen Höhle sind Gefangene zur Fronarbeit angekettet. Sie arbeiten mit dem Rücken zum Höhleneingang und können niemals dort hinsehen. Ich stelle mir die Angeketteten immer wie Rudersklaven auf einer Galeere vor, die ja auch immer in eine Richtung schauen – dahin, wo nicht die Peitsche ist. Das ist jetzt eine merkwürdige Vorstellung für eine Erdhöhle, aber ich selbst lebe damit ganz gut. Im Rücken der Sklaven also ist der Eingang der Höhle. Von dort dringt schwaches Licht. Die Sklaven können die Vorgänge hinter sich nur als Schatten vor sich an der Wand sehen. Das ist bei Platon viel komplizierter beschrieben, weil er es ordentlich erklärt hat, ohne Ruderboote. So. Jetzt wird einer der Sklaven durch einen Zufall kurz frei, bevor man ihn wieder einfängt. Er rennt aus der Höhle und sieht die Welt und die Sonne, das Licht. Er wird wissend. Man fängt ihn wieder und kettet ihn an. Er erzählt nun den Rest seines Lebens den anderen Sklaven von der Schönheit der Welt. Und die anderen Sklaven wissen, er ist in dem kleinen Moment der Freiheit wahnsinnig geworden. Sie fürchten sich fast, je selbst einmal losgekettet zu werden. (Das merke ich beim Lesen, das hat Platon nicht echt gefühlt. Ich bessere das nach.)

Verstehen Sie? Der Wissende kann nicht sagen, was Weisheit ist, weil er dafür Begriffe wie Licht benutzen muss, die dem Unwissenden fremd sind. „Erkläre es ohne Licht!“, rufen die Unwissenden. „Wir glauben nicht an die Existenz von Licht, denn es ist immer dunkel.“ Da lächelt der Weise voller weh und verstummt. Und die Unwissenden erkennen, dass es ein Wahnsinniger ist.

Heute – darum schreibe ich den Artikel – leben wir wieder im Dunkel. Glauben Sie mir das? Ich will es erklären, ohne das Wort Licht zu benutzen. Wir sitzen nicht mehr in einer Höhle angekettet, sondern vor dem Computer. Wir glotzen in ihn hinein und klicken auf Datenpunkten herum. Dort steht alles im SAP. Alles in Zahlen, Beständen und Ident-Nummern. Die Zahlen sind eine Vorstellung der Wirklichkeit. Sie sind für uns Computergefangene die Schatten an der Wand. Diese Datenschatten sind die auf den Bildschirm projizierten Wirklichkeiten des Lebens, die wir selbst in natura nie mehr sehen. Manche von uns sind schon alt. Wir waren einmal im Leben ohne Computer. Viele aber von Ihnen kennen kein Lager mehr, nur noch den Lagerbestand. Besonders die Manager sind „Generalis-ten“ und behaupten, sie könnten alles managen, weil alles Zahl sei und außer dieser die Wirklichkeit keine Rolle mehr spielen würde. Wir leben also in einer Zeit, in der bewusst alles als Schatten gesehen wird, als Nummer oder Zahl. Das Wirkliche ist zu komplex, sagen wir. Alles Wichtige muss in einer Tabelle darstellbar sein, sagen wir. Die Manager dringen in uns, noch einfachere Zahlen zu liefern. „Keep it simple and stupid!“, rufen sie jedem zu, der etwas Wirkliches erklären will.

Die Weisen und Wissenden unserer Zeit sagen: „Es gibt etwas jenseits der Computerzahlen!“ Da drehen sich die Unwissenden vor den Computerbildschirmen kurz unter Neonleuchten im fensterlosen Großraumbüro um. „Erkläre es uns, Wissenender, aber drück es in Zahlen aus, weil es nicht anderes gibt in dieser Welt. Drück es in einfachen Zahlen aus, damit wir es verstehen können.“ Da sagt der Wissende: „Ich kann es nur ohne Zahlen sagen, ich möchte über Dinge sprechen.“ Und wieder verhöhnen sie ihn. „Er kann es nicht in Zahlen ausdrücken! Er muss wahnsinnig geworden sein.“

Der griechische und indische Weise versuchte, uns Licht zu zeigen. Wir glaubten es nicht. Heute wissen wir schon ganz gut, dass es Licht nicht gibt. Wir sind weiter gegangen und haben die Welt in Zahlen ver-wandelt. Wir glauben nicht mehr, dass es außerhalb der Zahlen etwas gibt. Platon würde sagen: Die Gefangenen sind weiter hinein in die Höhle gegangen, wo die vielen Schatten zu wenigen wichtigen Kennzahlen verschwimmen.

Platon rief: „Geht aus der Höhle hinaus!“
Raabes Stopfkuchen sagt bedächtig: „Gehe heraus aus deinem Kasten!“, womit Raabe etwas gegen die „misstrauische, stänkerhafte, auf Kisten und Kasten hockende Bauernseele vom faulsten Wasser“ gesagt haben wollte.

Aber wir, wir selbst gehen immer tiefer in das Reich der Schatten hinein. Bald wird Zerberus böse.
Wir sind Contra-Platonisten.

Gunter Dueck

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